Seit über 10 Jahren schreibt Yvonne Adamek als freie Autorin über Menschen, Länder, Fitness und Gefühle. Lesen kann man das in Zeitschriften für Frauen und Mütter. Seit 2012 halten sie neben der Schreiberei noch ihre beiden Söhne auf Trab und dabei scheitert Yvonne hin und wieder grandios bei dem Versuch Arbeit, Kinder und das Leben an sich unter einen Hut zu bringen.

Das Statistische Bundesamt hat Dank des Mikrozensus 2016 herausgefunden, dass der langjährige Trend zur Kinderlosigkeit in Deutschland gestoppt sei. Laut Zahlen habe sich der Trend seit einigen Jahren stabilisiert, heißt es in einer Veröffentlichung. Vor allem Akademikerinnen gründen wieder Familien.

Wir haben also Grund zum Jubeln. Deutschland ist (noch) nicht vom Aussterben bedroht. Und sofort klopft sich die Bundesregierung lobend selbst auf die Schulter. Den Grund für die wiedergefundene Freude am Gebären sieht sie nämlich im Ausbau der Betreuung und natürlich den finanziellen Anreizen der Elternzeit. Ich glaube, das ist Quatsch!

Ja, die zwölf Monate Elternzeit hier in Deutschland sind in der Tat eine tolle Errungenschaft. Kaum ein anderes Land bietet Eltern die Möglichkeit so lange bei seinem Kind bleiben zu können und dafür auch noch Geld zu bekommen. Auch für mich und meinen Mann waren beide Elternzeiten eine tolle Möglichkeit als Familie zueinanderzufinden.

Dennoch verschlechtern sich gerade für Akademikerinnen Berufs- und erst Karrierechancen drastisch, wenn man sich für Kinder und ein Jahr Auszeit entscheidet. In Führungspositionen gibt es keine Teilzeitstellen. Und selbst, wenn eine Mutter wieder Vollzeit arbeiten will, legen Arbeitgeber Kinder gerne als Wettbewerbsnachteil aus.

Auch Punkt zwei, eine Verbesserung der Betreuungsmöglichkeiten, ist bislang nur an wenigen Stellen erkennbar. Nach wie vor gibt es sogar in Großstädten wie Hamburg oder München nur wenige KITAs, die bis 18 Uhr geöffnet haben. Wenn man überhaupt rechtzeitig einen Platz für sein Kind findet. In Kleinstädten oder gar Dörfern ist die Situation noch schlechter. Dort geht man noch immer vom traditionellen Hausfrauenmodell aus, weshalb viele KITAs bereits um 14 Uhr schließen.

Und schließlich sind da noch die teils miserablen Arbeitsbedingungen (2 Erzieherinnen auf 20 Kleinkinder) und schlechten Bezahlung, die eine hohe Personalfluktuation zur Folge haben. Unsere Kita stand zum Beispiel zwei Monate vor den Sommerferien plötzlich nur noch mit der Hälfte des Personals da. Die andere Hälfte hatte sich für andere pädagogische Jobs abwerben lassen, die mehr Arbeitszeit, aber auch mehr Gehalt versprachen.

Fortschritte sehen für mich anders aus.

Aber woher kommt dann der Trend zum Kinderkriegen?

Ich glaube, dass es sich dabei eher um einen gesellschaftliches Phänomen handelt. Nicht, dass die Mehrheit der Deutschen plötzlich kinderfreundlicher geworden wäre. Aber seit die Wirtschaft Familien und insbesondere Mütter als kauffreudige Zielgruppe für sich entdeckt hat, ist Familienleben eine ziemlich schicke Sache geworden – zumindest auf Eltern-Blogs und in der Werbung.

Es ist ein neuer Konservativismus schick verpackt in stylischen Buggys mit Kaffeebecherhalter und selbstgenähten Pumphosen mit Wölkchen drauf.

Die Medien, egal ob neue oder alte, präsentieren uns eine perfekte Welt zum Wohlfühlen, in der die Rollen genau verteilt sind, und wir fallen drauf rein.

Der Trick ist nämlich, dass die meisten Muttis jetzt gar nicht mehr reine Hausfrauen sind, sondern versuchen, sich durch Selbstständigkeit den unhaltbaren Zuständen für Mütter auf dem Arbeitsmarkt zu entziehen.

Ich bilde da gar keine Ausnahme. Vielleicht hätte ich Karriere bei einer Zeitschrift machen können, aber dafür hätte ich mindestens 10 Stunden jeden Tag in einem Büro sitzen müssen – und das für deutlich weniger Geld, als ich jetzt im Jahr verdiene.

Zusätzlich hätte ich auch noch das Glück haben müssen, nicht irgendeiner willkürlichen Kündigungswelle zum Opfer zu fallen. Für mich ein paar zu viele „Wenns“ und der Hauptgrund, warum ich mich dem geregelten Berufsalltag entzogen habe.

Ja, manchmal wird es eng mit dem Geld. Und ja, manchmal wünsche ich mir einen geregelteren Tagesablauf. Aber dann wiederum wüsste ich gar nicht, wie wir unseren Alltag organisieren und strukturieren sollten, wenn ich einen festen Job hätte.

Und so stecke auch ich irgendwo fest in einer undefinierbaren Lücke zwischen Berufstätigkeit und Hausfrauendasein.

Aber kommen wir zurück zum Stopp des Geburtenrückgangs: Unsere Gesellschaft ist gerade in Akademikerkreisen beweglicher und flexibler geworden. Nicht, weil die Regierung das so toll organisiert hat und nicht, weil wir das so wollen, sondern ausschließlich, weil man durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse dazu gezwungen wird.

Ich habe Freundinnen mit Doktortitel, die wieder und wieder mit Halbjahresverträgen abgespeist werden. Kassiererinnen oder Sekretärinnen werden unbefristete Verträge praktisch hinterher geworfen. Ein Kind zu bekommen, scheint in so einer Situation meistens gar nicht mehr als großes Risiko, sondern eher als Möglichkeit zum Luftholen. Zumindest ein Jahr lang nicht über den Job nachdenken, und stattdessen Mutti-Blogs lesen und kurzfristig glauben, dass durch selbstgenähte Kleidchen alles besser werden kann.

Das Schöne an diesem Trend ist tatsächlich, dass mehr Kinder geboren werden. Denn, und das möchte ich an dieser Stelle bei aller Arbeit und Stress betonen, Kinder sind großartig. Sie sind toll! Und auch wenn sie das Wachstum grauer Haare deutlich beschleunigen, sind sie doch das, was einem Leben erst richtig Sinn verleiht.

Trotzdem glaube ich, dass dieses Weichzeichnen von Familie in Medien und Werbung in Kombination mit einem immer konfuser werdenden Berufsalltag, viele Frauen zu einer Entscheidung verleitet, die sie vielleicht nicht getroffen hätten, wenn ihr Berufsleben strukturierter wäre. Denn es ist auch genau diese Kombination, die Bewegungen wie #regrettingmotherhood befeuert.

Natürlich ist das bescheuert, wenn man sich aktiv für Kinder entscheidet und dann offen sagt, dass man es bereut. Schließlich muss man ja vorher wissen, dass das stressig wird. Ja, das stimmt!

Aber wir sind schon seit Generationen nicht mehr fähig richtige Beziehungen zu führen, weil so viele intelligente Menschen tatsächlich glauben, es müsse so laufen wie im Film. Warum soll das mit Familie nicht genau so sein?

Je mehr Mütter auf Instagram, Facebook und Pinterest nur Heileweltgedöns posten und je mehr Modeketten aufeinander abgestimmte Kleider für Mama und Kind verkaufen, desto schwieriger wird es, sich selbst aus diesem Emotionssumpf zu befreien.

Das kann der Staat nicht für uns regeln. Das müssen wir schon selber tun.

Wie?

Indem wir wie Sandra in ihrem Einnahmenreport offen darüber reden, wie schwierig es manchmal sein kann, mit der Selbstständigkeit.

Indem wir uns nicht dazu zwingen nach Feierabend noch Kleider und T-Shirts für unsere Kinder zu nähen, und dadurch einen stressigen Tag noch stressiger machen. Und indem wir einfach mal zugeben, wenn was Scheiße läuft.

Wenn wir wirklich wieder mehr Kinder bekommen und uns dabei nicht total ausgelaugt und erschöpft fühlen sollen, dann brauchen wir Konzernspitzen (Frauen wie Männer!), die endlich kapieren, dass Mütter vollwertige und ernst zunehmende Arbeitskräfte sind.

Seid nicht solche Spießer, die sich an irgendwelche Management-Floskeln klammern. Eigentlich tut Ihr doch immer alle nur so, als würdet Ihr was verändern wollen und am Ende managet Ihr Euren Laden noch schlechter als die grauen Typen drei Generationen vor Euch.

© Beitragsbild: Pixabay

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