Besser urlauben – TeachSurfing & die Gründerinnen

Gretta und Miganoush von Teachsurfing.org

Aktuell befinde ich mich noch in der Phase der „Gründer-Bewunderin“. Das heißt, in meinen Augen blinken Herzchen und in meinem Kopf entstehen Ideen, sobald ich tolle Geschichten über tolle Gründer/innen lese. So ganz startklar für die eigene Gründung bin ich allerdings noch nicht- Aber gut, hier geht’s ja jetzt nicht um mich, sondern um zwei tolle Gründerinnen, die nicht nur etwas Eigenes auf die Beine gestellt, sondern damit auch eine Idee mit sozialem Gedanken verwirklicht haben. Und das ist in meinem Augen das Beste, was man tun kann. Also kurz mal 10 Minuten Zeit nehmen, um in Ruhe das Interview mit Gretta Hohl von TeachSurfing zu lesen, um danach mal ganz andere Urlaubspläne zu schmieden…

Bei dem Namen TeachSurfing würde man jetzt wahrscheinlich erstmal an eine Surfschule denken. Aber geschnitten. Was steckt wirklich dahinter?

TeachSurfing ermöglicht es Reisenden, nicht nur Flip-Flops und Badeshorts, sondern auch ihr Wissen für die nächste Reise einzupacken und am Urlaubsziel zu teilen. Das heißt, wenn Du beispielsweise nach Thailand reist, kannst Du neben dem üblichen Sightseeing den Menschen dort in einer Unterrichtsstunde oder einem Workshop etwas beibringen – egal ob Deine Sprache oder etwas Anderes, das Du gut kannst und weitergeben möchtest.  Im Gegenzug dafür erhälst Du dieses besondere kulturelle Erlebnis, welches kein Reiseführer der Welt ersetzen kann.
Die Unterrichtsthemen ergeben sich einfach aus den Fähigkeiten der Reisenden und Anfragen der lokalen Einrichtungent. So schafft TeachSurfing individuelle Bildungsveranstaltungen und einen internationalen Wissensaustausch, welcher Menschen neue Perspektiven eröffnet.

Wer steckt hinter der Idee?

Die Idee zu TeachSurfing hatten Miganoush Magarian und ich im Oktober 2012. Entscheidend für die Ideenfindung war unsere Teilnahme an der One Young World (OYW) Konferenz. Sie behandelt globale, soziale Probleme wie Nachhaltigkeit, Menschenrechte, Bildung, kulturelle Konflikte etc. und motiviert die Teilnehmer dazu, eigene Projekte zu starten, um diese Probleme anzugehen. Als unabhängiges soziales Unternehmen gibt es TeachSurfing seit Frühling 2015.

Woher kam Eure Motivation, zu sagen: „Wir wollen etwas mit Sinn machen“?

Miganoush und ich verbinden durch unsere Herkunft die verschiedenen Kulturen aus Ungarn, dem Iran, Deutschland, Armenien und Rumänien. Beim Besuch unserer Heimatländer erleben wir regelmäßig Arbeitslosigkeit, kulturelle Konflikte und fehlende Perspektiven. Auf der OYW Konferenz haben wir Menschen aus diversen Ländern getroffen, die uns von denselben Problemen in ihrer Heimat berichtet haben. Es war schnell klar, dass Bildung und persönlicher Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft ein Weg ist, diese zu lösen. Wir beschlossen deshalb auf Basis unseres beruflichen Hintergrundes TeachSurfing als Webplattform aufzubauen.

Wie sieht denn Euer beruflicher Hintergrund aus?

Miganoush und ich kommen aus dem IT-Bereich – wenn auch mit unterschiedlicher Bezeichnung und Vertiefungsrichtung. Während Miganoush einen Master in Software Engineering besitzt, habe ich einen Abschluss in Informatik. Mein Studienschwerpunkt liegt in der Robotik und bis heute beschäftige ich mich am liebsten mit Hardware-naher Programmierung und eingebetteten Systemen. Miganoush hat ihren Schwerpunkt auf Datenbanken, Cloud-Technologien und Projektmanagement gelegt.

Oha, ziemlich viele Fremdwörter für mich 😉 Steckt „nur“ Ihr zwei hinter TeachSurfing oder gibt es schon ein größeres Team?

Insgesamt arbeiten derzeit neun Personen an TeachSurfing. Wir haben ein Kernteam in Deutschland und ein Projektteam in Armenien. Während sich das Kernteam um den Aufbau des Unternehmens und der Plattform kümmert, ist das armenische Team mit der Umsetzung des TeachSurfing Wave-Projektes beschäftigt. Das Kernteam umfasst Software-Entwickler, einen Marketing- und Business Developer, so wie eine Finanzexpertin. Im armenischen Team sind wir mit Designer, Projektmanager und mehreren Personen im Bereich Kommunikation aufgestellt.

Über das Wave-Projekt musst Du gleich noch mal erzählen. Erstmal noch die Frage, wie das genau läuft, wenn ich TeachSurfer werden möchte. Wenn ich beispielsweise weiß, dass ich demnächst nach Bali gehe und mir vornehme, zu teachsurfen: Wie finde ich jemanden, der Lust auf mein Wissen hat?

Wer teachsurfen möchte, muss sich erstmal auf teachsurfing.org registrieren. Hier kann man in seinem Profil die ‚Skills‘, die Reiseroute als ‚Travel Plan‘, ein Foto und eine Beschreibung zu sich selbst anlegen. Je besser das Profil ausgefüllt ist, umso wahrscheinlicher ist eine Vermittlung. Die Einrichtungen auf Bali erstellen sich ein ähnliches TeachSurfing-Profil, wo sie ihre Lernanfragen als ‚Teaching Needs‘ eintragen. Beide Seiten haben die Möglichkeit, sich über Suchfelder und eine Kartenansicht zu finden. Die Organisation der Bildungsveranstaltung obliegt ganz der Absprache zwischen TeachSurfer und der Gastgebereinrichtung. Bei Bedarf und Rückfragen sind wir vom Team auch über info@teachsurfing.de erreichbar und helfen beiden Parteien gerne weiter.

Karte mit weltweiten TeachSurfing-Angeboten
1000 registrierte TeachSurfer teilen ihr Wissen auf der ganzen Welt.

Wen unterrichte ich dann? Geht es in erster Linie um Kinder? Oder könnte ich beispielsweise auch Senioren im Umgang mit einem Computer unterrichten?

Wissenssuchende sind oft Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten, aber auch Non-Profit-Organisationen. Deshalb können sowohl Kinder in einer Schule, Studenten einer Universität, aber auch andere Altersgruppen von den reisenden Wissensgebern lernen.

Kann ich alles lehren – egal ob Nähen, Kochen oder auch etwas „Business-Lastiges“ (z.B. Marketing) – oder gibt es einen Themenschwerpunkt?

Es kann sowohl Kochen, wie Sport oder Marketing gelehrt werden. Wir setzen auf die persönlichen Fähigkeiten jeder Person und den individuellen Wissensanfragen der Organisationen. Beispielsweise kann ein lang ausgeübtes Hobby genauso durch einen Workshop vermittelt werden, wie die eigene Muttersprache in einer Gesprächsrunde, oder das Forschungsprojekt in einem Vortrag. Wir sind oft selbst überrascht, was für unterschiedliche Themen angeboten und gesucht werden.

Hast Du ein paar Beispiele, welche Unterrichtsinhalte/-ideen es bisher schon gab?

Klar. Es fanden Bildungsveranstaltungen zu Kupferstecherei, Fußball, Design Thinking, Robotik, Team Building, Moral – Staat und die Zukunft von Regierung, Business Model usw. statt. Die Veranstaltung zu Kupferstecherei und Sozialunternehmertum von dem marokkanischen TeachSurfer Hamza fand erst Anfang September in Berlin statt. Dieser Beitrag von Potsdam TV gibt einen schönen Einblick dazu. Einige Nutzer teilen ihre Erlebnisse auch in Form von TeachSurfing Stories auf der Plattform.

Dort kann man auch lesen, dass Ihr selbst auch schon als TeachSurfer unterwegs wart. Was habt Ihr für Euch selbst dabei mitgenommen?

Es sind ganz unterschiedliche Arten von Erfahrungen. Besonders stark ist das Erlebnis, die Menschen vor Ort aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. Es entstehen Gespräche, die vom Veranstaltungsthema oft in den Alltag der jeweils anderen Kultur verzweigen.
Als TeachSurfer herrscht oft das Gefühl vor, mehr bekommen als gegeben zu haben. Sei es durch die Gastgeber, die einen willkommen heißen und voller Neugier auf die Veranstaltung warten, oder das Begehen von Orten und Räumen, die einem sonst verwehrt worden wären. Es ist viel Neugier und Spannung von beiden Seiten dabei 🙂 Gleichzeitig entsteht ein Gefühl, Teil der Einheimischen zu werden und nicht mehr fremd zu sein.

Könnt Ihr schon sagen, welches Wissen wo am nötigsten gebraucht wird bzw. am beliebtesten ist?

Heute können wir noch keine verlässlichen Aussagen zum Wissensbedarf und Lehrangebot machen. Das Thema ist aber im Team sehr präsent. Wir arbeiten mit hoher Priorität daran, bald mehr zum Thema sagen zu können.

Du hast ja vorhin schon kurz das Wave-Projekt in Armenien angesprochen. Auf Eurer Homepage steht Armenien gerade im Fokus. Warum liegt Euch das Land so am Herzen?

Miganoush hat armenische Wurzeln. Durch sie haben wir auch von internationalen Veranstaltungen erfahren, die diesen Sommer in Armenien stattfinden. So hat es sich angeboten, die Vielfalt von Reisenden zu nutzen und ihnen Möglichkeiten für TeachSurfing in armenischen Einrichtungen zu bieten. Dafür haben wir das TeachSurfing Wave Armenia im Juli 2015 mit der Unterstützung der Caluste Gulbenkian Foundation gestartet. Wir rekrutieren aktiv neue Einrichtungen in Armenien und sprechen gleichzeitig Reisende auf Veranstaltungen sowie über Unterkunfts- und Tour-Anbieter an.

Was waren die bisher größten Hürden für Euch beim Aufbau von teachsurfing.org?

Eine große Hürde ist das passende Geschäftsmodell aufzusetzen. Da es ein sehr neues Geschäftsfeld und zudem ein soziales Projekt ist, fällt die Wahl eines geeigneten Modells sehr schwer. Wir sind sehr froh, hier Unterstützung durch Mentoren vom Social Impact Start-Stipendium erhalten zu haben. Dadurch fühlen wir uns mittlerweile auf einem sicheren Weg zu einem guten Modell.

Aber wie finanziert Ihr Euch aktuell?

TeachSurfing ist aktuell eine gemeinnützige UG i.G. Der ‚gemeinnützige‘ Status erlaubt uns, Spendenquittungen auszustellen, sodass wir uns momentan über Spenden und Zuschüsse finanzieren. Mittel- und langfristig ist das aber keine Option, da es eine sehr unbeständige Einnahmequelle ist. Deshalb sind wir dabei Produkte zu entwerfen, die wir ganz normal als UG (rechtlich gesehen eine GmbH) verkaufen können. Unsere Kunden wären z.B. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern das TeachSurfen ermöglichen möchten. Das fällt unter Employer Engagement in HR sowie unter CSR mit Skill Based Volunteering. Durch TeachSurfing können Unternehmen sich nicht nur direkt sozial engagieren, sondern auch gleichzeitig ihre Mitarbeiter fördern, indem sie individuelle und oft berufsspezifische Fähigkeiten mit anderen teilen. Die Unternehmen erhalten dabei auch eine neue Gelegenheit für positives Marketing. Sehr nützlich sind auch die Partnerschaften mit Unternehmen. Sei es um Material und Räumlichkeiten für Bildungsveranstaltungen bereitzustellen, oder auch um unsere eigenen Marketing-Aktionen zu unterstützen.

Gibt es ein Feedback zu Eurer Idee, das Euch noch besonders in Erinnerung ist?

Jeder im Team hat ganz eigene, besondere Momente. Mein persönliches Highlight entstand, als ich selbst TeachSurfer war. Die Schüler und Lehrer haben auch noch einige Monate nach der Veranstaltung enthusiastisch davon gesprochen.

Arbeitet Ihr aktuell ausschließlich an dem Projekt oder habt Ihr noch einen Vollzeitjob, sodass TeachSurfing nebenbei aufgebaut wird?

Im Kernteam arbeiten wir seit April 2015 in Teilzeit für unseren Lebensunterhalt und aktuell noch ehrenamtlich für TeachSurfing. Durch die Förderung von der Caluste Gulbenkian Foundation können wir das armenische Team für ihre Arbeit bezahlen. Es ist eines unserer Ziele, innerhalb eines Jahres Einnahmen zu erzielen, um auch das Kernteam finanziell zu entlasten. Das sehen wir als Notwendigkeit, um TeachSurfing nachhaltig zu gestalten.

Welche Investitionen waren nötig, um Teachsurfing aufzubauen? Finanziell, zeitlich, emotional?

Die Investition durch die ehrenamtlichen Arbeitsstunden wiegt finanziell am höchsten. Es ist jedoch meist die emotionale Verbundenheit mit dem Projekt, die uns die Energie gibt. Dann wird auch mal das Wochenende für die Projektarbeit eingespannt, wenn es nötig ist.

Wenn Ihr daran denkt, mit Eurer Idee selbstständig zu sein: Löst das eher Euphorie aus oder doch etwas Angst vor einem evtl. Risiko?

Es ist eine gute Mischung aus beidem, aber wir sehen es vor allem als ein gemeinsames Ziel, auf das wir hinarbeiten.

Würdet Ihr sagen, dass TeachSurfing Euch als Menschen auch glücklicher gemacht hat, weil Ihr Euch bewusst seid: „Das habe ich auf die Beine gestellt“? Oder geht dieses Gefühl zu schnell in der ganzen Organisation und dem Arbeitsalltag unter?

Ich würde sagen, das TeachSurfing uns glücklich macht. An manchen Tagen überwiegt der Arbeitsalltag, an anderen die Freude am Projekt. Die Freude ist aber der Motor, der uns antreibt, unsere Arbeit gut zu machen.

Ein Tipp an alle, die ebenfalls eine Idee haben, aber sich noch nicht überwinden konnten, sie umzusetzen?

Heute ist immer der beste Tag dafür.

Liebe Gretta, mit diesem tollen Schlusswort hast du´s geschafft 🙂 Vielen Dank für das Interview und viel, viel Erfolg mit Eurer tollen Idee! Und falls es für mich irgendwann mal wirklich nach Bali geht, werde ich daran denken, mein Wissen einzupacken.

Über 1000 TeachSurfer sind bereits angemeldet. Falls Ihr also auch Lust habt, Eurer nächsten Reise einen neuen Wert zu geben, einfach TeachSurfer werden.

Stundensatz-Rechner für selbstständige Frauen und Freiberufler

Du willst schnell & einfach dein Honorar berechnen?

Keine Sorge, mit diesem Stundensatz-Rechner ist das ist einfacher, als Du denkst!

Cool! Her damit

Diese Webseite verwendet Cookies. Stimme der Verwendung von Cookies zu, wenn Du die Webseite weiter nutzt. Mehr Informationen

Für eine uneingeschränkte Nutzung der FF&-Webseite werden Cookies benötigt. Einige dieser Cookies erfordern Deine ausdrückliche Zustimmung. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Webseite nutzen zu können. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Webseite erhältst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.

Schließen