Alexandra Gaida-Steingaß ist gelernte Verlagskauffrau und gründete in ihrer Elternzeit ihren Buchverlag Accepta Kommunikation. Zusätzlich ist sie mit ihrer gleichnamigen Agentur für externe Kunden im Bereich Marketing und PR tätig. Alexandra mag schöne Bücher, gutes Essen, ferne Länder und ist am liebsten mit ihrer Tochter unterwegs – zuletzt für eine zweimonatigen Familienauszeit in Asien.

In der Elternzeit seine beruflichen Träume verfolgen? In der Babypause mit Kind in eine freiberufliche Tätigkeit einsteigen?

Unmöglich! Dachte ich zumindest in meinen Anfängen als frischgebackene Mutter. Denn für mich bedeutete der neue Alltag mit Baby eine enorme Umstellung – Schlaf fehlte, Spontanität, Selbstbestimmtheit und Flexibilität, auf die ich in meinem alten Leben so viel Wert gelegt hatte, schienen plötzlich Fremdworte zu sein. Prioritäten verschoben sich bzw. sortierten sich neu und das, was früher relevant gewesen war, erschien mit einem Mal gar nicht mehr so wichtig. Gefühlt war ich 24 Stunden eingebunden und kam zu nichts mehr. Dabei hatte ich „nur“ mein erstes Kind bekommen. Taten sich doch einmal Zeitfenster auf, sprang ich unter die Dusche, telefonierte oder räumte auf. Über eine neue berufliche Perspektive habe ich in dieser ersten Zeit mit Baby sicherlich nie nachgedacht. Denn zusätzlich saß mir ein großes Thema im Nacken: Ich schrieb seit zwei Jahren an meiner Doktorarbeit in Germanistik – ein beruflicher Traum, den ich auch mit Nachwuchs realisieren wollte.

Zwei Babies wollen geschaukelt werden

Tatsächlich schaffte ich es, auch nach der Geburt unserer Tochter weiter an meiner Promotion zu arbeiten. Wenn Luise schlief, saß ich am Schreibtisch, manchmal auch nachts. Ein Stück weit definierte ich mich über diese „geistige Nahrung“ und sie machte mir als Ausgleich zum Mamasein viel Spaß, obwohl die Gedanken manchmal nicht so flossen, wie ich es mir gewünscht hätte. Und doch ging es Stück für Stück voran.

Die Dissertation war mir wichtig. Doch ebenso wichtig war es mir, Zeit mit meinem Kind zu verbringen und es kam für mich eigentlich nicht in Frage, Luise in eine Krippe oder zu einer Tagesmutter zu geben. Dennoch wollte ich mich vor dem Thema Fremdbetreuung nicht gänzlich verschließen und offen für Neues sein. Drei Tagesmütter schaute ich mir an und bei keiner stimmten Chemie und Bauchgefühl. In der städtischen Krippe ging es zwar liebevoll zu, aber die großen Gruppen, der hohe Lärmpegel und die überschaubare Anzahl an Erzieherinnen schreckten mich ab.

Gestärkt in meinem Entschluss, Luise erst im Alter von drei Jahren in den Kindergarten zu geben, wurde ich forscher: Ich wollte keine Krippe, keine Tagesmutter, also musste es mit Luise im Gleichschritt funktionieren, wenn ich mit meiner Doktorarbeit fertig werden wollte. Ich richtete mich nach Luises Rhythmus und ging mit schlafendem Baby im Tragetuch an die Uni unseres Wohnorts, wo ich in der Bibliothek Recherchen machte und Fachbücher las. Noch heute erinnere ich mich gern an diese innigen Momente, in denen einfach alles stimmte, zurück: Ich konnte Mama sein und mich dennoch auf meine berufliche Entwicklung konzentrieren, ohne Abstriche beim Familienleben machen zu müssen. Eine Erfahrung, die mich stärkte.

Als Luise wenige Monate später mobiler wurde, weniger schlief und mehr Beschäftigung forderte, suchte ich nach einer neuen Möglichkeit, um mir etwas mehr Freiraum zu verschaffen. Über das Jugendamt fand ich eine sympathische, engagierte Babysitterin. Franziska, 18 Jahre alt und angehende Erzieherin, kam zwei- bis dreimal pro Woche für drei Stunden am Nachmittag zu uns nach Hause, um mit Luise zu spielen und spazieren zu gehen. Ich merkte: Neue Türen tun sich auf, wenn man nach Lösungen sucht. Nach Lösungen, die zu den persönlichen Wünschen und der Gestaltung des Familienlebens passen.

Bleib authentisch − Rückschläge gehören dazu

Leider erledigte sich das Thema Doktorarbeit, bedingt durch einen Wechsel des Doktorvaters, wenige Monate später von selbst, obwohl sich meine Arbeit in der Endphase befand. Denn mein neuer Doktorvater veranschlagte nochmals zwei bis drei Jahre Vollzeit für meine Dissertation – mit Präsenz an der 240 km entfernten Uni. Das konnte und wollte ich mit Baby nicht erfüllen und entschied mich, mein Promotionsvorhaben ad acta zu legen.

War ich enttäuscht, ärgerlich, desillusioniert? Natürlich war ich das. Aber bereits nach wenigen Tagen stellte sich eine erstaunliche Gelassenheit ein, denn bei allen Hürden war ich immer authentisch geblieben. Ich war meinen Weg gegangen, fleißig gewesen, hatte mein Ziel nicht aus den Augen verloren. Und hatte dennoch die Erfahrung machen müssen, wie schnell man im Berufsleben outgesourct, umstrukturiert oder ausgetauscht werden kann. Das ist das Leben – und es ist nicht immer berechenbar.

Was mich allerdings in dieser Situation sehr zufrieden machte und mir zu einer inneren Ruhe verhalf, war die Tatsache, dass ich stets aktiv Einfluss auf unser Familienleben genommen hatte. Ich hatte Luise nicht entgegen meiner Wünsche in eine Krippe gegeben, sondern auf mein Bauchgefühl, meine innere Stimme gehört und bei all meinen Entscheidungen dem Familienleben den Vorzug gegeben. So konnte ich meinen Frieden machen.

Und ich habe gelernt: Wenn man emotional möglichst zu einhundert Prozent hinter allen getroffenen Entscheidungen steht, hilft einem dies in einer Phase, in der es nicht rund läuft, viel besser über Frust und Wut hinweg und man kann schneller wieder nach vorn sehen, Selbstvertrauen und Zufriedenheit inklusive. Lektion zwei: Dann die Reißleine ziehen, wenn es zu kompliziert wird und nicht mehr geht. Denn wenn veränderte Rahmenbedingungen zur Belastung werden, müssen Ziele und Träume überprüft und eventuell abgeschrieben werden.

Steh zu Deinem Familienleben

Ein Punkt ist mir an dieser Stelle wichtig und ich möchte auf ihn eingehen. Als Freunde und Familie von meiner Schwangerschaft erfuhren, hieß es aus manchen Mündern: „Ach wie schön, dass Du schwanger bist. Deine Doktorarbeit kannst Du dann wohl nicht beenden.“ Diese Mutmaßungen waren natürlich Blödsinn, aber ein Stück weit war ich tatsächlich gehemmt, zumindest an der Uni, offensiv mit meiner Schwangerschaft umzugehen.

Bei einem der vierteljährlichen Kolloquien, bei denen ich meinem Doktorvater und anderen Professoren die Fortschritte meiner Arbeit präsentierte, zog ich (im sechsten Monat schwanger) also ein weitgeschnittenes Oberteil an, das ich mit einem langen Schal kombinierte. Die Präsentation lief gut, keiner der Anwesenden bemerkte meinen „Zustand“. Kurz nach der Entbindung erinnerte ich mich plötzlich an diese Situation und wunderte mich über mich selbst und meine fehlende Offenheit. Hatte ich ernsthaft Sorge gehabt, man würde mir meine geistigen oder organisatorischen Fähigkeiten absprechen, nur weil ich ein Kind erwartete?

Denn das Gegenteil war der Fall: Das Mamasein setzte andere, neue Energien in mir frei, wodurch ich noch nachhaltiger für meine Ziele einstehen konnte. Zum nächsten Kolloquium brachte ich Sekt mit und verkündete die Geburt unserer Tochter. Die Professoren freuten sich und niemand stellte in Frage, dass ich nicht auch mit Baby genauso inhaltsstark und leistungsfähig an meiner Promotion arbeiten könne, wie ohne Kind. Eine wichtige Lernkurve für mich: Die Anderen trauen Dir das zu, was Du Dir selbst zutraust. (Von wenigen Ausnahmen und Bedenkenträgern einmal abgesehen und von denen darf man sich, soweit möglich, mit gutem Gewissen lossagen, wie ich finde.) Steh zu Deiner Familiensituation und geh Deinen Weg – in Deinem Tempo, mit Deinen Möglichkeiten.

Die Elternzeit genießen und dabei neue Ideen ausbrüten

Ein spannendes erstes Jahr meiner Elternzeit neigte sich also dem Ende entgegen. Ich genoss es nun, „nur“ Mama zu sein und mich mit Luise auf Spielplätzen und in Krabbelgruppen, beim Babyschwimmen und im Kinderturnen zu tummeln. Gedanklich hatte ich dabei einen steten Begleiter, der immer wieder bei mir anklopfte und sich mir ins Gedächtnis rief: Das 220-seitige Manuskript meiner Dissertation.

Erste Überlegungen setzten ein: Ich hatte zwar keinen Doktor gemacht aber konnte ich aus meiner fast fertigen Arbeit nicht dennoch ein Buch machen? Und dieses Buch gleich selbst herausgeben?

Durch meine Ausbildung zur Verlagskauffrau und mein Studium zur Verlagsherstellerin kannte ich die notwendigen Prozesse des Büchermachens bzw. verfügte über ein Netzwerk an Fachleuten, die mir zuarbeiten konnten. Meine Diplomarbeit hatte ich sogar über das Thema Verlagsgründung geschrieben und die Gründung eines Fachbuchverlags begleitet.

Nach einem intensiven Brainstorming lag mein weiterer Weg klar vor mir: Ich wollte einerseits als Autorin mit eigenem Buchverlag selbstständig sein und zusätzlich, um finanziell über die Runden zu kommen, meine Dienstleistung im Marketing- und PR-Bereich anbieten. Als ich meinem Mann und meinen Eltern diese Idee präsentierte, waren sie begeistert. Nicht nur ich hatte also das Gefühl, dass diese Form der Arbeit und der Inhalte zu mir passen würden, sondern auch die Leute, die mich gut kannten.

Der inneren Stimme Gehör schenken

Die Idee zu einem beruflichen Neuanfang kam mir übrigens auf dem Spielplatz, während ich meiner Tochter beim Klettern zusah. Ich habe an diesem Nachmittag darüber nachgedacht, was ich beruflich eigentlich wirklich machen möchte und mich von meiner inneren Stimme leiten lassen – ohne Profi-Coach, Workshop, Berufsberatung oder ähnliches. Träumen erlaubt! dachte ich. Um dann mit einem Mal festzustellen, dass meine Träume, auch mit Kind, realisierbar sind.

Die simplen Fragen, die ich mir an diesem Tag stellte, lauteten beispielsweise: Mit welchen Inhalten möchte ich in Zukunft arbeiten? Bin ich der Typ, der freiberuflich arbeiten kann? Möchte ich von zu Hause aus arbeiten? Verfüge ich über ein Netzwerk, bei dem ich mir fachliche Unterstützung holen kann? Besitze ich ein Startkapital? Verkrafte ich es, eventuell mit meiner Selbstständigkeit zu scheitern? Kann ich dann problemlos wieder in ein Angestelltenverhältnis zurückkehren?

Meine innere Stimme war da und sie war stark und laut, so dass ich immer mehr Punkte auf meiner inneren Checkliste mit positivem Ergebnis abhaken konnte. Damit war der Grundstein für meine berufliche Neuorientierung in der Elternzeit gelegt und ich gründete meinen Buchverlag Accepta. Dieser widmet sich Nischenthemen, wobei mein aktuelles Buch „Anders als erwartet – Von besonderen Herausforderungen in der frühen Familienphase“ viel mehr Eltern anspricht, als ich erwartet hätte.

Zusätzlich bin mit meiner Agentur Accepta Kommunikation für externe Kunden im Bereich Marketing und PR tätig. Meist arbeite ich von 8 bis 12.30 Uhr und je nach Bedarf auch abends und am Wochenende. Ab 12.30 Uhr gehört meine freie Zeit Luise und ich bin sehr zufrieden mit dieser klaren Einteilung in Berufs- und Familienleben und darüber, viel Zeit mit meinem Kind verbringen zu können.

Ran an die Träume!

Ich habe meine Babypause nie als Karriereknick empfunden. Im Gegenteil: In ihr ist etwas großes Neues entstanden und meine Tochter war dabei häufig mein größter Lehrmeister. Außerhalb der Elternzeit hätte ich mir wahrscheinlich kaum Zeit genommen, in Ruhe und ehrlich über mich und meine Bedürfnisse nachzudenken. Doch gerade die persönlichen Veränderungen, die ich als Mutter erlebt und vollzogen habe, machten mich empfindsamer und ließen es zu, dass ich auf mein Bauchgefühl, meine innere Stimme hörte und mich fragte: Welche Arbeit passt denn eigentlich wirklich zu mir und meinem Familienleben?

Nicht alles lässt sich mit Baby schaffen. Aber vieles. Auch mit Baby lassen sich berufliche Träume realisieren. Natürlich sind die Schritte kleiner, das Tempo ist gedrosselt. Aber gerade dieses Innehalten lohnt sich, damit Ideen und Entscheidungen reifen können. Das Muttersein setzt, trotz aller Umstellung und Müdigkeit, so viele zusätzliche Potenziale und Energien frei und es öffnen sich viele neue Türen. Manchmal muss man loslassen und sich von Träumen verabschieden, aber jedem Scheitern wohnt ein Neuanfang inne. Und wenn Plan A nicht funktioniert, dann eben Plan B oder C.

Mein Mann sagte einmal zu mir: „Vor was hast Du Angst? Du hast ein Kind zur Welt gebracht. Dann schaffst Du alles andere auch.“

Okay, alles schaffe ich vielleicht nicht. Aber ich glaube, man kann definitiv behaupten: Mamas schaffen eine unglaubliche Menge. 🙂

© Beitragsbild: freestocks.org

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