Lilli Koisser ist freie Texterin mit LILY Text & Content und gründete 2017 LETTERS, den Blog für Freelance-Texter. Seit fast 4 Jahren kann Lilli vom Schreiben gut leben – ohne Content-Fabriken, Centpreise oder lange Nachtschichten. Bei LETTERS verrät sie, wie du das auch kannst

Der Ostersonntag 2016 war eigentlich ein wunderschöner Tag. Ich hatte das Wochenende mit Freunden in der Südsteiermark verbracht und das erste Mal meinen neuen Freund mitgebracht. Auf der Rückfahrt nach Wien machten wir in meinem Heimatort Halt, wo er einen Teil meiner Familie kennen lernte.

Abends, zurück in Wien, machten wir es uns bei ihm zuhause gemütlich. Rund um Mitternacht wollte ich das Rollo am Fenster herunterlassen, um nach einem schönen, ereignisreichen Tag in einen friedlichen Schlaf zu sinken. Dazu musste ich mich allerdings auf das Bett vor dem Fenster stellen, weil sich das Rollo oben eingerollt hatte und ich es händisch herausziehen wollte.

Durch mein Strecken und Lehnen rutschte der Lattenrost ruckartig aus dem Bettrahmen, und ich fiel kopfüber in das dünne, scharfe Altbau-Fenster. Die Glasscheibe brach komplett heraus, und ich „steckte“ mit meinen Unterarmen im Fensterrahmen. Als ich mich aufrichtete, schoss das Blut in Fontänen aus meinem rechten Handgelenk. Ich spürte zwar nichts außer einem dumpfen Schmerz vom Aufprall, aber ich sah, wie das Blut spritzte und meine Arme hinunterrann. Es war eine große Menge Blut – so viel hatte ich zuvor noch nie gesehen.

Ich hatte noch die Kraft, vom Bett und aus dem Zimmer zu laufen – da ich die Bettwäsche und den Teppich nicht vollspritzen wollte! #facepalm – bevor ich im Flur auf den Boden sank. Die Mitbewohnerin meines Freundes, die durch das laute Klirren und unser Geschrei angelaufen kam, rief die Rettung. Ich bat sie zu googeln, was wir machen sollten: Die Hand höher als das Herz halten, kühlen, verbinden, ruhig bleiben. Mein Freund setzte sich hinter mich, wickelte meine Arme in Handtücher und gefrorene Erbsen, und ich drückte zu. Allerdings nicht zu fest, denn mein Handgelenk war praktisch offen.

Wird sich mein Leben jetzt verändern?

Das Blut rann warm meine Arme hinunter. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch mein linker Arm blutete. Mir war schwindelig, ich hörte nichts mehr, bekam keine Luft und hatte unfassbaren Durst. Alle Kräfte verließen mich und ich sagte meinem Freund, der selbst der Ohnmacht nahe war, dass ich wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren würde. Voll Panik keuchte ich seiner Mitbewohnerin zu, nochmal bei der Rettung anzurufen.

Wenige Minuten später trafen zwei Sanitäter ein. Ich saß inzwischen in einer Lache meines eigenen Blutes, meine Hose war durchtränkt, mir war eiskalt. Ein Gedankenorkan wirbelte durch meinen Kopf: Was bedeutet das? Wie lange muss ich im Krankenhaus bleiben? Warum kann ich meinen Ring- und kleinen Finger nicht bewegen? Wird sich mein Leben jetzt bleibend verändern?

Sobald die Profis da waren, beruhigte ich mich ein wenig und wurde wieder etwas klarer. Mitten in der Nacht wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert – das Fensterglas hatte Beugesehnen, einen Nerv und eine Arterie der rechten Hand durchschnitten. Außerdem hatte ich tiefe Schnittwunden an beiden Unterarmen und Ellbogen, die mir in den nächsten Wochen Dinge wie Essen, Trinken, Waschen, Toilettengänge oder Telefonieren alleine nicht möglich machen sollten. Ich konnte Objekte weder greifen noch heben, und aufgrund der Nähte an den Ellenbogen auch meine Arme nicht abwinkeln.

Es folgten die nächtliche Not-OP, benommene Stunden im Aufwachraum, eine unfassbar anstrengende Woche im Krankenhaus, sechs Wochen lang eine Schiene zur kompletten Ruhigstellung der rechten Hand, mehrmals pro Woche Ergotherapie und Kontrollen im Krankenhaus, Unterstützung einer Psychiaterin, täglich bis zu 8 Stunden Übungen, Strombehandlungen und Narbenmassagen zuhause. Meine Medikamentenliste war so lang wie eine wöchentliche Einkaufsliste, mein Körper war ein Wrack und mein psychischer Zustand im Keller. Ich war als Freiberuflerin 6 Monate lang im Krankenstand.

Der Krankenstand – die Achillesferse des Freiberuflers

Laut Fehlzeitenreport 2016 des WIFO melden sich Arbeitnehmer durchschnittlich ca. 13 Tage pro Jahr krank – Freiberufler gehen allerdings am seltensten und kürzesten in den Krankenstand. Außerdem melden Menschen zwischen 25 und 39 Jahren sich am seltensten krank. Wahrscheinlich fallen viele von Euch in beide Kategorien gleichzeitig!

Gut zwei Drittel der Krankenstände entstehen durch Erkrankungen der Atemwege (38,5 %), infektiöse und parasitäre Krankheiten (15,2 %) und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und Bindegewebes (13 %). Der Anteil an Verletzungen und Arbeitsunfällen nahm in den letzten Jahren ab, während die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen zunahm – möglicherweise als Folge der Dienstleistungsgesellschaft? Fast 40 % aller Krankenstände dauern 1 bis 3 Tage. Nur 12 % der Krankenstände dauern länger als zwei Wochen.

GULP befragte über 300 Freelancer in der IT-Branche: Können Sie sich überhaupt leisten, krank zu sein? Die Antwort scheint Nein zu lauten: 52,3 % waren weniger als fünf Tage pro Jahr krank, fast jeder Fünfte sogar keinen einzigen Tag. Und wen wundert es? Schließlich haben Selbständige keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung bei Krankheit – Geld fließt nur, wenn gearbeitet wird. Wer zwei Wochen lang mit einer Grippe im Bett liegt, dem entgeht die Hälfte der monatlichen Einnahmen. Was könnt Ihr also tun, um Euch als Freiberufler für den Krankheitsfall abzusichern?

5 Tipps, wie Ihr Euch gegen einen langen Krankenstand absichert

1. Ihr braucht eine Versicherung auf Kranken(tage)geld!

Ich bin unendlich froh und dankbar, dass mir meine Bilanzbuchhalterin zu Beginn meiner Selbständigkeit die freiwillige Zusatzversicherung auf Krankengeld der SVA (Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft = gesetzliche Pflichtversicherung für Freiberufler in Österreich) sehr nachdrücklich empfohlen hat. Sie meinte, dass ich keine andere Versicherung wirklich brauche, außer dieser. Nachdem ich diesen Rat auch danach immer und immer wieder gehört und gelesen habe, muss etwas dran sein!

Wenn du krank bist, bekommst du mit dieser Versicherung ab dem Xten Tag (bei mir ab dem vierten) ein tägliches Krankengeld ausbezahlt. In meinem Fall waren es rund 30 Euro pro Tag – 2017 wurde das Krankengeld der SVA aber auf 60 % der täglichen Beitragsgrundlage und mindestens 8,51 Euro täglich gesenkt. Außerdem bekommen Selbständige in Österreich ab dem 43. Tag eines langen Krankenstandes nochmals knapp 30 Euro Unterstützungsleistung pro Tag vom Staat ausbezahlt.

Einen Überblick zur ähnlichen Lage in Deutschland gibt es bei Finanztip. Lasst Euch am besten bei Eurer gesetzlichen und mehreren privaten Versicherungen beraten und seht euch online Versicherungs-Vergleiche an. Nicht jede Versicherung bietet das Tagegeld an, und manche Berufsgruppen sind dahingehend bei manchen Anbietern nicht versicherbar.

2. Sparen und im Ernstfall Ratenzahlungen vereinbaren

Bei mir fiel der 6-monatige Krankenstand unglücklicherweise auch noch in das „verflixte dritte Jahr der Selbständigkeit“, in dem es zu horrenden Nachzahlungen an Versicherung und Finanzamt kommen kann. Meine privaten und beruflichen Rechnungen überfluteten mich, und mir blieb nichts anderes übrig, als mit dem Finanzamt und der SVA Ratenzahlungen zu vereinbaren.

Tipp: Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, solltet Ihr Euren Gläubigern immer aktiv mitteilen, in welcher Situation Ihr gerade seid, und Eure Zahlungsbereitschaft signalisieren. So kommt man Euch viel eher entgegen, als wenn Ihr die unbezahlten Rechnungen einfach in der Schublade verschwinden lasst.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt sich natürlich ein kleines – oder auch größeres – Polster für harte Zeiten. Dass dieses als Freiberufler nicht so leicht anzulegen ist, muss ich Euch sicher nicht erst erzählen. Seit meinem Unfall habe ich begonnen, automatische Abschöpfungsaufträge von meinem Business- auf mein Sparkonto und zusätzlich Rundungssparen zu verwenden. Hätte ich das bloß von Anfang an gemacht!

3. Kunden Bescheid sagen und Alternativen vorschlagen

In den ersten Tagen im Krankenhaus diktierte ich meiner Schwester eine E-Mail an meine Kunden. Ich musste ein riesengroßes, dringendes Website-Projekt absagen, laufende Blog-Jobs aus dem Redaktionsplan streichen lassen und meinen Kunden mitteilen, dass ich weder per E-Mail noch per Telefon zu erreichen war. Es fühlte sich alles sehr dramatisch an, und ich fühlte mich schuldig, weil ich meine Kunden hängen ließ. In dieser E-Mail verlinkten wir ein paar andere Texterinnen, die vielleicht verfügbar wären, um meine Projekte zu übernehmen. Manche von ihnen arbeiten noch heute, gemeinsam mit mir, für meine Kunden.

Alle meine Kunden haben immer sehr verständnisvoll auf Krankenstände von mir reagiert. Die Angst, jemanden zu verprellen oder wütend zu machen, ist meiner Erfahrung nach total irrational. Und wenn Euch wirklich jemand die Hölle heiß macht, weil Ihr wegen einer Krankheit ein paar Tage lang nicht für ihn oder sie arbeiten könnt, dann ist es sowieso Zeit, sich von diesem Kunden zu trennen. Ich konnte fast alle meine Kunden behalten, und die, die nicht zu mir zurückkehrten, waren sowieso die, wo die Zusammenarbeit schon etwas schal geworden war. Die Beziehungen hatten also ein natürliches Ende gefunden, und es war mir absolut nicht schade drum.

4. Nicht zu früh wieder anfangen

Bleibt realistisch bei Eurer Genesung und fangt nicht aus Pflichtgefühl zu früh wieder zu arbeiten an. In regelmäßigen Abständen teilte ich meinen Kunden und Facebook-Fans mit: „In X Wochen bin ich wieder fit!“ Dieses Spielchen wiederholte ich alle paar Wochen, bis ich soweit war zu sagen: „Ich weiß nicht, wann ich wieder arbeiten kann“.

Gebt Euch Zeit, gesund zu werden und erspart Euren Kunden falsche Hoffnungen und unnötige Planungsarbeit. Ihr könnt die Genesung nicht beschleunigen und müsst auch einfach mal Ruhe geben und das Business Business sein lassen.

Während dieser 6 Monate dachte ich kaum an mein Unternehmen. Ich las keine Fachartikel mehr, verfolgte das Geschehen online nicht und wollte auch nicht mit Kunden oder Kollegen kommunizieren. Meine Hand beherrschte meinen kompletten Alltag und es fühlte sich so an, als würde das für immer so bleiben. Mein Ringfinger und kleiner Finger sind heute zwar noch immer etwas krumm, steif und gefühllos, aber wenigstens kann ich sie wieder bewegen. Erinnert Euch: Die Ausnahmesituation wird irgendwann vergehen!

5. Das Positive sehen

So schlimm und traumatisch mein Unfall war: Er hätte auch ganz anders ausgehen können. Die Krankenschwestern bläuten mir ein, wie viel Glück ich gehabt hatte. Ich hätte schließlich auch kopfüber aus dem Fenster fallen oder mir Gesicht, Hals oder Brust zerschneiden können.

Und trotz allem hatte mein Krankenstand auch gute Seiten – ich habe danach endlich LETTERS – Der Blog für Freelance-Texter gegründet und ganz neue Motivation für meinen Beruf und meine private Weiterentwicklung gefunden. Die schwere Zeit hat meinen Freund und mich unglaublich zusammengeschweißt und mir gezeigt, was mir wirklich wichtig ist.

In vielen Biografien erfolgreicher Menschen finden sich Krankheiten, Unfälle oder Traumata. In der Psychologie nennt man diese positiven Veränderungen nach einem traumatischen Erlebnis „posttraumatisches Wachstum“. Es gibt also auch die Möglichkeit, Euren Rückschlag als Chance zu begreifen.

Fazit

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich nach einem halben Jahr noch immer nicht arbeitsfähig gewesen wäre. Die staatliche Unterstützung, und auch die aus meiner privaten Zusatzversicherung, endet nach 26 Wochen. Hätte ich mich arbeitslos melden müssen? Meine Selbständigkeit zurücklegen? Notstandshilfe beantragen? Ich bin froh, dass ich es nicht herausfinden musste. An der sozialen Absicherung von Freiberuflern muss aber definitiv noch einiges getan werden – von staatlicher Seite aus, aber auch von Euch selbst.

© Beitragsbild: Samet Kasik | Pexels

5 Kommentare
  1. Daniel Held sagt:

    Liebe Lilli,

    gute Besserung weiterhin – das hört sich echt nicht nach einer schönen Phase in deinem Leben an!

    Punkt 4 stelle ich mir schwierig vor: Selbstverständlich und zurecht sind die Gedanken in dieser Situation nicht beim Business, sondern bei der Genesung, aber dennoch schaut man ja auch so ein bisschen voraus, was passiert, wenn man wieder gesund ist. Und den Kunden dann irgendwann zu sagen: „Ich weiß nicht, wann ich wieder fit bin“ birgt im Gegensatz zu der Aussage „Noch x Monate bis zu meiner Genesung“ die Gefahr, dass man dich vielleicht (fürs erste) abschreibt und stattdessen andere Dienstleister einplant. Diese wiederum sind möglicherweise nicht so schnell wieder zu verdrängen, wenn du zurück am Start bist.

    Insofern finde ich deinen Punkt 3 eine gute Idee, nämlich dass du proaktiv Kandidaten aus deinem Netzwerk vorschlägst. Was für dich den Vorteil mit sich bringt, dass du einen guten Anknüpfungspunkt hast, um nach der Genesung das Steuer wieder zu übernehmen! Zumal deine Kollegen dir, im Gegensatz zu den dir fremden „Ersatzleuten“, sicher dann nicht den Rang ablaufen wollen.

    Viele Grüße aus Köln
    Daniel

  2. Mischa sagt:

    Liebe Lilly,

    schön, dass es dir wieder gut geht und Respekt vor der Riesenleistung, psychisch wie physisch, das Ganze so durchzustehen. Danke auch für die Tipps. Ich selbst hatte mal eine Phase von rund einem Monat Ausfall, als ich Antidepressiva abgesetzt habe.
    Da war ich gerade einmal ein halbes Jahr Freelancer und trotzdem ist mir mein Haupt-Auftraggeber nicht abgesprungen, was ich ihm ganz groß anrechne. Und wir arbeiten heute noch erfolgreich zusammen.
    Bzgl. der Schilderung deines Unfalls: Bei einem halben Jahr Ausfallzeit hätte ich dir auch so geglaubt, dass der ganz schlimm war. Oder anders gesagt: Ich überlege mir immer, welche Bilder ich den anderen Menschen in den Kopf mache (ja, unser Unterbewusstsein ist viel mächtiger, als wir glauben). Und die Bilder von dir hätten definitiv nicht dazugehört.

    Liebe Grüße
    Mischa

  3. Lilli Koisser sagt:

    Lieber Daniel,

    danke für deinen Kommentar! War echt keine leichte Zeit, aber ich bin auch dankbar für die neue Richtung, die mein Leben dadurch genommen hat.

    Wie gesagt habe ich beides gemacht – ich fand es irgendwann einfach nicht mehr fair, die Kunden immer wieder um ein paar Wochen zu vertrösten. Dazu muss ich auch sagen, dass mir am Anfang einfach nicht bewusst war, wie lange sich die Genesung hinziehen würde.

    Wenn sie sich dann andere Dienstleister suchen müssen, ist das okay für mich – auch ihr Business muss schließlich weitergehen! Gottseidank haben mich aber die meisten Kunden mit offenen Armen wieder zurück empfangen.

    GLG aus Wien!
    Lilli

  4. Julia sagt:

    Oh mein Gott, was ein Höllen-Szenario! Das erste was ich dachte war auch: Zum Glück nur die Arme/die Hände!
    Ich habe keine Versicherung für ein Krankentagegeld, ich denke da werde ich mich die Tage drum kümmern, vielen vielen Dank für den Anstoß!

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