Willkommen im Kaiserinnenreich! Interview mit Mareice Kaiser.

Willkommen im Kaiserinnenreich! Interview mit Mareice Kaiser.

Vielleicht habt ihr ihn ja auch gelesen, den Artikel auf gruenderszene.de in dem 15 Mütter vorgestellt wurden, die ihr eigenes Start-up gegründet haben. 15 inspirierende Mompreneurs und eine davon hat mich besonders beeindruckt: Mareice Kaiser, Autorin des inklusiven Familienblogs Kaiserinnenreich. Wer sie ist und was sie macht, erfahrt Ihr in diesem Interview. Ich versichere euch, diese Frau wird Euch umhauen!

Mareice, Du bist freie Journalistin und Mutter zweier Töchter im Alter von zwei und drei Jahren. Nach dreijähriger Elternzeit hast Du im letzten Jahr wieder begonnen zu arbeiten. Wie gestaltete sich Dein beruflicher Wiedereinstieg?

Anders als erwartet. Geplant war es so: Acht Monate Elternzeit, dann übernimmt mein Mann und ich arbeite wieder 30 bis 40 Stunden pro Woche freiberuflich als Redakteurin. Wir waren beide zufrieden mit diesem Plan. Dann kam unsere Tochter anders zur Welt als erhofft, nämlich durch einen seltenen Chromosomenfehler mehrfach schwer behindert.
Bedingt durch ihren erhöhten Pflegebedarf – und auch, weil sich ihre kleine Schwester kurze Zeit später ankündigte – sind es dann insgesamt drei Jahre Elternzeit geworden.
Übrigens auch für meinen Mann, der von seiner Agentur für diese Zeit freigestellt wurde. Das war ein großes Glück für uns alle – nur so konnten wir alles wuppen.
Möglich war mein beruflicher Wiedereinstieg erst, als beide Kinder in der Kita eingewöhnt waren. Da mir meine Arbeit in den drei Jahren sehr gefehlt hat, habe ich irgendwann beschlossen, meine Erfahrungen aus dieser Zeit auf einem Blog öffentlich zu machen. Mein Blog Kaiserinnenreich war mein erster Schritt zurück ins Berufsleben.

Ich habe hier gelesen, dass Du Deine ersten Texte auf dem Spielplatz mit dem Laptop auf dem Schoss geschrieben hast, während Du mit dem Fuß Deine kleine Tochter im Kinderwagen in den Schlaf wipptest. Wie müssen wir uns das Szenario vorstellen, wenn Du heute an Deinen Artikeln schreibst? Gibt es so etwas wie einen geregelten Tagesablauf für Dich?

In der Anfangszeit der Eingewöhnung war meine kleine Tochter nach einigen Stunden Kita immer so erschöpft, dass sie anschließend im Kinderwagen sofort einschlief. Ich habe diese Stunde dann dafür genutzt, die ersten Texte für mein Blog zu schreiben. Sie im Kinderwagen, ein Fuß von mir den Kinderwagen wippend, Laptop auf dem Schoß.
Mittlerweile arbeite ich nicht mehr auf dem Spielplatz, sondern an drei Tagen der Woche in einem eigenen Büro. Die anderen zwei Tage aus meinem Wohnzimmer oder ich bin unterwegs bei Interviews, oft muss ich auch bürokratische Dinge für meine behinderte Tochter organisieren.
Ich arbeite als freie Journalistin und pflege nebenbei noch mein Blog. Das ist nur möglich, weil wir von einem Pflegedienst unterstützt werden. Der sorgt auch für unseren Tagesablauf – ich glaube, ansonsten würden wir das insgesamt mehr laissez-faire handhaben. Um acht Uhr klingelt die Krankenschwester an der Tür, damit beginnt unsere Tagesstruktur. Spätestens um halb 10 sind beide Kinder in der Kita und mein Mann und ich im besten Fall geduscht an unseren Schreibtischen. Er arbeitet seit einigen Monaten wieder als Texter in seiner alten Agentur. Möglich ist uns beiden das erst, seitdem in den Nächten der Pflegedienst bei unserer großen Tochter ist. Wir können – nach zwei schlaflosen Jahren – endlich wieder Kraft schöpfen und arbeiten.

Eine Festanstellung war offensichtlich keine Option für Dich. Warum hast Du Dich entschieden, weiterhin als Selbstständige tätig zu sein?

Das war im ersten Schritt gar keine bewusste Entscheidung. Als Mutter von zwei Kindern, eines davon schwer behindert und anfällig für alle Krankheiten, die es so gibt, wollte ich gern fest angestellt arbeiten. Ich hatte das Gefühl, eine gewisse Sicherheit würde mir gut tun. Meine jetzige Freiberuflichkeit hat einen simplen Grund: Ich habe keinen Job gefunden. Ich schrieb einige Bewerbungen, wurde aber erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, als ich meine Töchter im Lebenslauf bewusst nicht erwähnt hatte. Den Job bekam letztendlich eine kinderlose Person. Da ich dennoch arbeiten wollte, bin ich freiberuflich gestartet – ich wusste ja, wie es geht. So bin ich wieder in die Freiberuflichkeit reingerutscht. Mittlerweile bin ich sehr froh darüber, weil ich davon leben kann und über Themen und Menschen schreiben darf, die mir am Herzen liegen. Niemand diktiert mir, was ich zu tun habe.

Mareice Kaiser

Fotos: Carolin Weinkopf

Du warst bereits vor Deiner ersten Schwangerschaft selbstständig. Konntest Du der Geburt Deiner Tochter in Ruhe entgegen sehen, weil Du finanziell rechtzeitig vorgesorgt hast oder bereitete Dir die bevorstehende Auszeit Kopfschmerzen?

Ich bin (leider!) kein Typ für Vorsorgen. Nein, es gab kein großes finanzielles Polster. Daher habe ich noch lange Zeit in der Schwangerschaft gearbeitet. Ich hatte allerdings die Sicherheit ein hohes Elterngeld zu bekommen, weil ich gut verdient habe. Das hat meinem Mann und mir Ruhe verschafft. Ich habe mich auf eine kurze berufliche Auszeit gefreut – vor allem auch, weil ich wusste, dass Anschlussprojekte auf mich warten. Nach der Geburt unserer mehrfach behinderten Tochter sah die finanzielle Perspektive dann nicht mehr so rosig aus. Wir konnten lange Zeit nicht arbeiten, das Pflegegeld kann diese finanziellen Einbußen nicht ausgleichen; wir benötigten viele Hilfsmittel, die von der Krankenkasse nicht bezahlt wurden. Den Geschwisterwagen, den wir brauchen, um beide Kinder zu transportieren, haben uns zum Beispiel unsere Freunde gekauft – von der Krankenkasse bekamen wir dafür nur einen kleinen Zuschuss.

Bereitete Dir die Schwangerschaft in Deiner Selbstständigkeit Probleme? Hast Du vielleicht mal einen Auftrag nicht bekommen, weil ein/e Auftraggeber/In Dir das Projekt nicht zutraute?

Als ich schwanger wurde, war ich freiberuflich in einer Werbeagentur für ein großes Projekt engagiert, das über mehrere Monate lief. Das konnte ich ohne Probleme zu Ende bringen. Diese Agentur war sehr familienfreundlich. Ich hatte nicht das Gefühl, dass meine Schwangerschaft mir dort beruflich im Weg stand. Es war klar, dass ich nach der Elternzeit wieder einsteigen kann und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie auch Wort gehalten hätten. Allerdings weiß ich auch, dass das ein großer Glücksfall war. Leider sieht es meistens anders aus – über die Vorurteile gegenüber jungen Müttern hat meine Freundin Liz auf ihrem Blog Kiddo the Kid ganz wunderbar geschrieben.

Wie sieht es heute aus? Wurden Dir als selbstständiger Mutter mit zwei Kindern, davon eine behinderte Tochter, Aufträge verwehrt?

Die Jobs, die ich vor meinen Kindern gemacht habe, bekäme ich heute ganz sicher nicht mehr. Gerade in Werbeagenturen gibt es ja leider nach wie vor eine Präsenzkultur. Von 9 bis 9 zu arbeiten kommt für mich aber nicht mehr in Frage. Nicht nur, weil es mit meinen Kindern so nicht möglich wäre, sondern auch, weil ich es einfach nicht mehr will. Ich bin froh, dass ich endlich das tun kann, was ich wirklich will: Geschichten von Menschen aufschreiben. Zum Glück ist dabei zweitrangig, dass ich auch Mutter bin und daher zeitlich nicht ganz so flexibel wie jemand ohne Kinder. Ich fühle mich privilegiert, dass ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen kann – natürlich immer im Mama-Korsett von 10 bis 16 Uhr. Gerade vor einigen Tagen habe ich gemerkt, wie froh ich bin, dass ich nicht mehr so viel sitze. Mir tut es gut, viele unterschiedliche Dinge zu machen: Schreibtischarbeit, Interviews, auf dem Spielplatz rumhängen, meine kleine Tochter auf dem Laufrad wieder einfangen, Einkäufe erledigen, telefonieren. Acht Stunden und mehr sitzend am Schreibtisch zu verbringen war noch nie meine Vorstellung von einem guten Arbeitsleben.

Wie soll es weitergehen? Welche Ziele verfolgst du mit deinem Blog Kaiserinnenreich?

Von mir aus darf es so weitergehen, wie es gerade läuft. Ich bin glücklich darüber, meine Kinder verlässlich und liebevoll betreut zu wissen. Das war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit – von der Schwierigkeit der Suche nach einem integrativen Kitaplatz bis hin zur schwankenden gesundheitlichen Konstitution meiner behinderten Tochter. Ich freue mich, mit dem Kaiserinnenreich Menschen zu erreichen. Die vielen Mails, die ich bekomme, bewegen mich sehr. Mir schreiben Eltern, die durch mein Blog ermutigt wurden, mit ihren pflegebedürftigen Kindern Urlaub zu machen. Oder auch Menschen, die bisher keinen Kontakt zu behinderten Menschen hatten und durch meine Texte weniger Berührungsängste haben. Das ist wunderbar! So lange ich solches Feedback bekomme, geht es auf jeden Fall weiter mit meinem Blog. Daneben freue ich mich, endlich von meiner Arbeit als Autorin leben zu können und nicht mehr auf das Arbeitslosengeld II, das uns in den vergangenen Monaten die Miete und den Lebensunterhalt gesichtert hat, angewiesen zu sein. Bei der diesjährigen re:publica habe ich das erste Mal öffentlich über Inklusion gesprochen und trotz der immensen Aufregung im Vorfeld kann ich mir gut vorstellen, sowas in Zukunft öfter zu machen. Vor allem meine behinderte Tochter hat mich gelehrt, dass es gar nicht so viel Sinn macht, allzu viele Pläne zu schmieden. Daher probiere ich, einfach das Heute zu genießen und nicht so viel an Morgen zu denken.

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